Im Kurzinterview: Männer- und Väterberater Werner Oenning

Werner-Oenning_SKM_150pxWerner Oenning, Diplom Sozialpädagoge und systemischer Supervisor, ist seit 2015 als zertifizierter Männer- und Väterberater beim SKM-Osnabrück (Katholischer Verein für soziale Dienste e.V.) tätig. Er verfügt über langjährige Erfahrungen in der Bildungs- und Beratungsarbeit, sowohl in der Einzelberatung, als auch in der Leitung, Begleitung und Beratung von Gruppen und Teams. Im Interview für das Niedersächsische Väterportal stellt er einige Aspekte seiner Arbeit als Männer- und Väterberater im Projekt "Echte Männer Reden." vor.

Frage: Wofür steht eigentlich der Slogan "Echte Männer Reden."?
Echte-Maenner-RedenDie Männer- und Väterberatung des SKM Osnabrück e.V. gehört zum bundesweiten Netzwerk der Männer-und Väterberatung, der Gewalt- und Krisenberatung des SKM-Bundesverbandes. Der Slogan weist auf ein männerspezifisches und- focussiertes Beratungsangebot hin. Ein Qualitätsmerkmal unserer Arbeit ist es eben, dass Männer/ Väter von Männern beraten werden.

Frage: Für welche Anliegen von Vätern sind Sie der richtige Ansprechpartner?
Themen können beispielsweise sein: das Rollenverständnis als Vater; Erziehungsfragen; Kontakt und Beziehung zum Kind; Vereinbarkeit von Familie, Beruf und eigenen Bedürfnissen; Veränderung in der Partnerschaft; Trennung und Scheidung, die Herausforderungen als alleinerziehender oder von den Kindern getrennt lebender Vater oder der Umgang mit Belastungen und Stress.

Frage: Welche Väter erreichen Sie mit Ihrer Arbeit?
Ich erreiche Väter aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten, die häufig Kinder im Kita- oder Grundschulalter haben, also in einem Alter mit hohem Betreuungsbedarf. Die Väter befinden sich zudem in einer Lebensphase, in der sie stark beruflich gefordert sind oder die durch drohende Arbeitslosigkeit bzw. die durch Krankheit und Arbeitslosigkeit bestimmt wird.

Frage: Welche Themen bewegen die Väter, mit denen Sie arbeiten?
Zunächst einmal lässt sich feststellen, dass die Anforderungen an Männer heute vielfältig und komplex sind, ob in der Partnerschaft, in der Familie oder als Vater. Sie sollen verständnisvoll, stark und männlich sein. Sie sollen die Familie ernähren und aktiv am Familienleben teilnehmen. Sie sollen als liebevolle und fürsorgliche Väter ihren Erziehungsteil leisten und gleichzeitig beruflich erfolgreich sein. Dass sie das belastet, sie damit überfordert sind und in Krisen geraten, führt sie dann zu mir in die Beratung.
Es kommen Väter zu mir, die sich häufig in einer akuten Krise befinden. Sie beschreiben zunächst einmal ihre Situation, beispielsweise die Trennung von Frau und Kindern. Sie berichten mir vom andauernden Streit mit der (Ex)Partnerin und gegenseitigen Schuldzuweisungen bei Erziehungsfragen oder bzgl. des Umgangsrechts mit den Kindern sowie von psychischem Druck. Sie äußern ihre Sorge darüber, den Kontakt zu ihren Kindern zu verlieren. Sie berichten mir von existenziellen Sorgen, von gesundheitlichen Problemen oder von Belastungen, die sich negativ auf das Berufsleben auswirken.

Frage: Was sind Prinzipien ihrer Beratung?
Beim SKM werben wir mit dem Slogan "Echte Männer Reden." Wir ermutigen Männer damit, über das zu reden, was sie beschäftigt und bedrückt. Dahinter verbirgt sich das Grundprinzip unseres Beratungsansatzes, das "Reden von Mann zu Mann". Männer, die den Weg hierher gefunden haben, erleben, dass ihnen ein Mann gegenüber sitzt, der sie ernst nimmt und versteht. Das motiviert Väter, von sich zu erzählen. Ich höre dann häufiger den Satz: "Was ich jetzt hier erzähle, habe ich noch niemandem erzählt." Ich helfe ihnen dann dabei, Gedanken und Gefühle zu sortieren und wahrzunehmen. Uns ist es wichtig, mit den Vätern an ihrer Haltung und ihrem Verhalten zu arbeiten, das zum wertschätzenden Umgang mit sich selbst und mit Anderen führt. Das bedeutet auch, die Männer mit ihrem Fehlverhalten zu konfrontieren, etwa bei Ausübung von Gewalt, bei eskalierenden Konflikten oder Grenzüberschreitungen. Wir wollen in der Beratung Selbstfürsorge, Selbstbewusstsein und Verantwortungsbewusstsein fördern. Uns ist es wichtig, dass die Väter für sich Perspektiven in Partnerschaft, Familie oder im Umgang mit den Kindern entwickeln.

Frage: Was erschwert Ihrer Ansicht nach anderen Vätern die Kontaktaufnahme?
Dafür gibt es sicherlich ganz unterschiedliche Gründe. Einen möchte ich hier nennen: Wir nehmen wahr, dass das mit einem eher typisch männlichen Verhalten zu tun hat. Männer machen vieles mit sich selbst aus, reden weiniger über die eigenen Probleme und Gefühle oder versuchen, für sich alleine Lösungen zu finden. Sich mit seinen Problemen zu offenbaren und Hilfe anzunehmen, wird eher als Schwäche und eigenes Versagen angesehen. Männer nehmen gegebenenfalls die eigene Krise gar nicht wahr, verdrängen sie oder halten zu lange aus. Suchtprobleme, psychische Erkrankungen, Beziehungskonflikte oder gar Suizid (Gedanken) können die Folge sein. Sicherlich lässt sich das auch auf eher tradierte Rollenbilder und Rollenerwartungen zurückführen: "Der Mann das starke Geschlecht! Der Mann als Problemlöser!". Wir beobachten aber auch, dass sich das zunehmend verändert, es einen regen Zulauf in unseren Beratungsstellen und mittlerweile auch zahlreiche Veranstaltungsangebote für Väter gibt.

Frage: Was würden Sie sich für Ihre Arbeit mit Vätern wünschen?
Dass immer mehr Väter sich trauen, Beratung in Anspruch zu nehmen. Wir beobachten, dass Väter sich zwischen tradierten und modernen Rollenbildern bewegen. Darin liegt auch die Chance, Väter zu ermutigen. In unserer Gesellschaft und in unseren sozialen Netzwerken müssen wir Entwicklungsprozesse anstoßen. Dabei muss die Erkenntnis wachsen, dass es normal ist, überfordert zu sein, in eine Krise zu geraten. Auch dass es normal ist, Beratung in Anspruch zu nehmen. Ein Vater, der bei mir in der Beratung ist, hat das für sich mal so umschrieben: "Also wenn mein Auto kaputt ist, dann kommt es in die Werkstatt und wird von einem Fachmann repariert und genauso habe ich für mich entschieden zu einem Männerberater, zu einem Fachmann zu gehen, um mit ihm meine Fragen und Probleme zu besprechen."

Frage: Welche weitere Unterstützung brauchen Väter Ihrer Ansicht nach?
Ich möchte hier drei Aspekte benennen:

Erstens, halte ich es für notwendig, dass sich Väter schon frühzeitig und aktiv mit dem "Vater werden und Vater sein" auseinandersetzen und für sich klären, was sie denn für ein Vater sein möchten, wie sie Familie und Partnerschaft leben wollen und welche Auswirkungen das auf das Berufsleben hat. Das hat dann einen eher präventiven Charakter. Da gibt es in der Region Osnabrück sicherlich schon gute Angebote und Projekte. Grundsätzlich ist zu überlegen, wie wir für die Väter Zugänge schaffen können. Beispielsweise durch den Ausbau von digitalen Angeboten der Beratungsstellen. Wenn die Väter nicht zu uns kommen, suchen wir sie auf, dort wo sie leben und arbeiten, beispielsweise in den Betrieben. Hier in der Region gibt es schon eine ganze Reihe von familienfreundlichen Betrieben. Diesbezüglich ist dann eine gute Netzwerkarbeit notwendig.

Zweitens, erzählen mir die Väter in der Beratung immer wieder, dass sie sich ungerecht behandelt fühlen und es dauernde Konflikte um das Sorge- und Umgangsrecht mit ihren Kindern gibt und das von ihnen angestrebte Wechselmodell kategorisch abgelehnt wird. Sie haben den Eindruck, dass sie als Vater keine oder nur eingeschränkte Rechte besitzen. Väter brauchen meiner Meinung nach hier deutlich mehr Unterstützung in Form von konkreter Rechtsberatung oder durch konstruktive Lobbyarbeit auf politischer Ebene.

Drittens, müssen wir politisches Lobbying für die Männer- und Väterinteressen betreiben, z.B. bei den Themen Elternzeit, Geschlechtergerechtigkeit oder Regelfinanzierung der Väter- und Männerarbeit.

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