Rollentausch: Papa wird jetzt Hausmann!

Susanne und Stefan leben mit ihren drei Jungen im eigenen Einfamilienhaus zwischen Hildesheim und Hannover. Der Ort bietet trotz seiner geringen Größe und seinen 1500 Einwohnerinnen und Einwohner eine gute Infrastruktur zum Leben und Einkaufen. Bisher hat Stefan für den Lebensunterhalt der Familie gesorgt. In Kürze wird er in Elternzeit gehen. Susanne nimmt eine Vollzeitstelle an und wird fortan die finanziellen Einnahmen der Familie sichern. Ein konsequenter, zeitlich noch offener Rollentausch, auf deren Auswirkungen beide gespannt sind. Hier erzählen beide über die Beweggründe und die Erwartungen, die beide an den Rollentausch haben.

Stefan, Du wirst ab 1. April in Elternzeit gehen. Was hat denn Dein Arbeitgeber dazu gesagt?
Na ja, er war schon überrascht, aber es besteht für mich noch 10 Monate ein gesetzlicher Anspruch auf die Elternzeit. Da habe ich mir gesagt, jetzt oder nie. So kam die Entscheidung halt auch recht plötzlich. Die 7-Wochenfrist zur Inanspruchnahme an den Arbeitgeber ist schon recht kurz. Zumal ich in dem Betrieb in einem Bereich arbeite, in dem es wohl so schnell keinen Ersatz für mich geben wird.

Du bist sozusagen unersetzlich in dem Betrieb?
In gewisser Weise, aber wir haben 120 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Mein Arbeitgeber ist also auch nicht ausschließlich auf mich angewiesen. Es wird sich schon eine Lösung finden.

Susanne, Du wirst demnächst arbeiten gehen. Ganztags. Eure Kinder sind sieben, fünf und zwei Jahre alt. Was halten sie von Euren Plänen?
Sie sind begeistert und besonders die beiden größeren fragen fast täglich, wann Papa denn nun endlich zuhause bleibt. Sie hoffen darauf, dass der nicht so viel schimpft, wie ich es anscheinend die letzte Zeit getan habe. Ich hatte jetzt die letzten Monate wirklich die Nase voll vom Hausfrau-und-Mutter-Dasein. Ich brauche dringend einen Wechsel.

Stefan, hast Du auch die Nase voll von deiner bisherigen Arbeit?
Nein, so kann ich das nicht sagen. Aber es gibt zurzeit, und auch schon länger, keine Perspektive, keine Aufstiegs- oder Fortbildungsmöglichkeit mehr. So gesehen ist der Wechsel jetzt vielleicht eine Gelegenheit, diesen beruflichen Stillstand zu lösen.

Euer Rollentausch scheint eher in Euren persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten begründet. Spielen auch finanzielle Überlegungen eine Rolle?
Susanne: Nein, gar nicht. Oder zumindest spricht von der Geldseite her nichts für einen Rollentausch.

Stefan: Der Kleine ist zwei und wir haben keinen Anspruch mehr auf das Elterngeld.

Und Susannes Stelle ist schlechter bezahlt?
Susanne: Richtig, ich brauche für das gleiche Geld, dass Stefan in 32 Stunden erwirtschaftet hat, eine Vollzeitbeschäftigung, also volle 40 Stunden. Das war der saure Apfel, in den ich für diese Entscheidung beißen musste. Aber das nehme ich momentan in Kauf.

Stefan, Du auch?
Ja, natürlich. Schließlich müssen wir sehen, wie wir über die Runden kommen.

Welche Verabredungen hast Du mit Deinem Arbeitgeber vereinbart, Stefan?
Ich bin ja jetzt schon zuhause, weil ich noch Resturlaub und einiges an Überstunden habe. Das ist sozusagen die Übergangszeit. Momentan erhalte ich noch viele Rückfragen aus dem Betrieb, per Telefon und E-Mail. Ich denke, dass sich das dann bald legen wird.

Du bist also noch für Nachfragen da?
Ich habe großes Interesse daran, dass meine Position in dem Betrieb optimal weitergeführt wird. Bisher hat sich zwar kein Ersatz gefunden, aber ich habe meinem Arbeitgeber schon signalisiert, dass ich vielleicht doch länger weg sein werde als geplant. Susanne und ich tauschen ja ganz bewusst unsere bisherigen Familienrollen gegeneinander aus. Also, wir probieren nicht bloß für ein paar Monate rum. Dafür würde sich meiner Meinung nach der Aufwand, die Umstellung gar nicht lohnen.

Susanne, warst Du schon mal wieder berufstätig, seit die Kinder da sind?
Ja, ich hatte eine Teilzeitstelle nachdem unser ältester Sohn in den Kindergarten kam. Aber das war wirklich sehr anstrengend. Nicht der Beruf meine ich, sondern die Doppelbelastung. Ich kenne einige Frauen, die das durchziehen, aber für mich wäre das zurzeit keine Lösung. Komischerweise sagen genau diese Frauen, dass sie jetzt nicht mit mir tauschen würden. Sie denken, wenn sie dann nach einem Vollzeitarbeitstag nach Hause kommen, müssten sie sich anschließend trotzdem noch um den Haushalt kümmern. Da muss wohl immer alles tipptopp sein.

Stefan, beteiligst du dich nicht an der Hausarbeit?
Doch natürlich. Ich koche gerne, mache die Wäsche und alles andere auch. Wenn ich jetzt von meiner Arbeit nach Hause kam, hatte Susanne die Hausarbeit ja noch nicht erledigt. Mit einem Kleinkind schafft man eben alleine nicht soviel nebenbei. Da bleibt für den erwerbstätigen Partner oder für die erwerbstätige Partnerin immer noch genug zu tun. Und das gehörte für mich bisher einfach dazu.

Und in zwei Wochen gehst Du dann mit dem Kleinen zur Krabbelgruppe?
In den Sportverein zum Kinderturnen ja, aber nicht in die Krabbelgruppe. Da geht es doch nur um Mütter- und Frauenthemen. Das brauche ich nicht.

Aber vielleicht tut auch ein Austausch unter Hausmännern ganz gut?
Ja sicher, aber für mich kommt das im Rahmen der Krabbelgruppe nicht infrage. Das ist mir keine Hilfe. Ich kenne ein paar Hausmänner hier und in näherer Umgebung. Mit denen kann ich mich über so was unterhalten.

Was halten Deine Eltern davon, dass Du Deine Karriere für einige Zeit an den Nagel hängst?
Die unterstützen das. Ich baue mir eine kleine künstlerische Nebenexistenz auf, gebe Workshops und so. Das ist genau das, was mein Vater immer hatte machen wollen. Mein Vater kann meine Entscheidung also gut nachvollziehen.

Warum wollt Ihr nicht beide in Vollzeit zu arbeiten und Eure Kinder in die Betreuung Dritter geben, zum Beispiel den Großeltern?
Susanne: Die Großeltern beteiligen sich schon jetzt an der Kindererziehung. Sie leben hier im Dorf und ich finde den Kontakt der Kinder zu ihnen auch ganz wichtig. Aber mir kommt es darauf an, dass wir unsere Kinder selbst erziehen, dass sie uns als Eltern und Ansprechpersonen erleben. Dass sie sehen, von uns ist immer jemand da, wenn sie meinetwegen Trost brauchen oder ein Problem haben. Dass uns die Großeltern manchmal als Babysitter aushelfen ist toll. Aber ganz in andere Hände möchte ich unsere Kinder nicht geben, nur damit wir beide unserer Karriere nachlaufen können. Wenn dann nur noch das zu Bett bringen bliebe, wäre mir das zu wenig Kontakt. Ein Elternteil sollte da sein.

Viele Alleinerziehende sind auf Ganztagsbetreuung angewiesen.
Susanne: Das hat dann finanzielle Gründe. Da geht es vielleicht oft nicht anders.

Ihr vollzieht hier einen ganz bewussten Rollentausch. Was erhofft Ihr Euch davon?
Susanne: Ich hoffe einfach, entspannter zu werden. Raus kommen aus dem bisherigen Alltag, arbeiten gehen dürfen. Damit, dass ich jetzt für den Unterhalt sorge, übernehme ich eine andere Art der Verantwortung für die Familie. Und das wird mir, glaube ich, jetzt gut tun. Meine bisherigen Erfahrungen mit den Kindern sagen mir: Was mir gut tut, tut auch den Kindern gut - und somit der Familie als Ganzes.

Stefan: Wir sind beide sehr neugierig, wie sich die Veränderungen auswirken werden, auch auf meine beruflichen Perspektiven. Susanne hat ihrem Arbeitgeber signalisiert, dass sie durchaus auch länger als die geplanten 10 Monate Elternzeit zur Verfügung steht. Und gerne auch in eine andere Position in der Firma wechseln möchte.

Susanne: Ja, ich erhoffe mir dadurch schon Aufstiegschancen in einen besser bezahlten Bereich. In Teilzeit oder befristet hätte mich mein Arbeitgeber wahrscheinlich gar nicht genommen.

Stefan, die Kinder werden nach der Elternzeit noch nicht erwachsen sein. Du kannst dir also vorstellen, Hausmann zu bleiben?
Ja, durchaus. Warum?

Es gibt doch sicher Konflikte zwischen euch in Bezug auf Kindererziehung und Hausarbeit?
Stefan: In der Frage der Erziehung sind wir uns meistens einig. Und was die Hausarbeit angeht, haben wir ja jetzt auch schon oft unterschiedliche Herangehensweisen. Das ist halt so.

Susanne: Da sehe ich auch kein Problem. Wir müssen eben in Kontakt bleiben.

Stefan: Vielleicht geht es mir in einem oder zwei Jahren so wie Susanne jetzt und ich habe genug vom Hausmann-Dasein. Dann müssen wir eben neu überlegen.

Könnt Ihr unseren Leserinnen und Lesern noch ein paar Tipps mitgeben für so einen Rollentausch?
Susanne: Ja, sie sollten in ähnlichen Situationen einfach immer offenbleiben für Veränderungen. Nicht zu verkrampft auf das Geld und die Karriere sehen. Natürlich, wir haben jetzt großes Glück, dass alles so schön zueinanderpasst und wir unser Vorhaben in die Tat umsetzten können. Aber letzten Endes geht es doch darum, zu klären, ob es der Familie gut geht mit der aktuellen Situation?

Stefan: Sich rechtzeitig um die rechtlichen Dinge kümmern. Für wen ist welche Steuerklasse sinnvoll und wie geht das mit der Krankenversicherung weiter und so. Aber viel wichtiger ist, denke ich, nicht ganz den Kontakt zur Arbeitgeberin oder zum Arbeitgeber zu verlieren. Sich für den Wiedereinstieg in den Beruf eine Tür offen zu halten oder eben ein zweites Standbein zu schaffen während der Elternzeit. Wenn es denn geht.


Das Interview führte Guido Wiermann.

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