Vaterrolle im historischen Wandel

Väter haben an Aufmerksamkeit gewonnen. Zahlreiche Veröffentlichungen über das Was und das Wie des Vaterseins künden davon. Vaterschaften unterliegen einem fortwährenden Wandel. Mit den sich ändernden kulturellen und gesellschaftlichen Vorstellungen und den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen entstanden unterschiedliche Bilder vom Vater. Auch heute noch gilt: Den Vater an sich gibt es nicht.

Vatersein gestern
Das Urbild des Vaters führt zurück ins 18. Jahrhundert. Die meist bäuerlichen Haushalte der damaligen Familien waren Wohnort und Arbeitsstätte in einem. Zur sozialen Gruppe Familie zählten neben den miteinander verwandten Generationen auch Knechte, Mägde und Taglöhner. Sie alle gemeinsam arbeiteten für das Einkommen auf dem Hof. Die Organisation des gesamten Hauses bestimmten der Hausherr und die Hausfrau, wobei der Hausherr die oberste Instanz bei allen Entscheidungen innehatte. Er verkörperte den patriachalen Vater.

Nach und nach wurde seine allmächtige Stellung aufgehoben. Neuzeitliche Vorstellungen vom Begriff der Familie und der Vaterschaft entstanden. Durch die beginnende Industrialisierung im 19. Jahrhundert verlegte sich die Erwerbstätigkeit vermehrt auf Arbeitsstätten außerhalb des Hauses. Diese Erwerbsarbeit wurde gewöhnlich Aufgabe des Vaters, des ehemaligen Hausherren. Die Trennung zwischen Arbeit und Wohnort führte zu einer Umstrukturierung der Familie. Das Haus wurde Privatbereich für Geborgenheit und Erziehung. Den Kindern kam jetzt eine viel stärkere Bedeutung zu. Die Rollenverteilung vom Mann als Ernährer der Familie und der Frau als Hausfrau und Versorgerin der Kinder war entstanden.

Nach dieser Entwicklung lassen sich bis in die 1920er Jahre hinein hauptsächlich drei Vatertypen beschreiben:

Der traditionelle Vater

  • Er kümmert sich wenig um seine Kinder. Es gibt kaum Vater-Kind-Kontakte.
  • Es herrscht eine klare Rollenverteilung. Die Frau ist für die Kinder und den Haushalt zuständig.
  • Den Vater zeichnet eine für heutige Maßstäbe große Strenge aus.

Der sozialdemokratische Vater

  • Er interessiert sich sehr für die Erziehung und Aktivitäten der Kinder.
  • Er pflegt vielfältige soziale Kontakte, bzw. in Vereinen und Verbänden.
  • Der Vater fördert den Schulbesuch der Kinder und deren Bildung.

Der kleinbürgerlich-individualistische Vater

  • Er engagiert sich mit vielen Kontakten innerhalb der Familie und der Verwandtschaft, hat aber kaum Kontakte außerhalb der Familie.
  • Der soziale Aufstieg der Kinder und das Ansehen der Familie in der Öffentlichkeit sind sein oberstes Anliegen.


Aktuelle Vatertypen
Weitere gesellschaftliche Veränderungen begünstigten die Entwicklungsmöglichkeiten für die Auslegung von Vaterschaft. Seit den 1970er Jahren erheben Frauen ihren Anspruch auf die Berufswelt. Außerdem haben sich die wirtschaftlichen Bedingungen geändert. Beides hat die Rolle des Vaters als Alleinernährer der Familie infrage gestellt. Andererseits besteht seitdem die Möglichkeit, seine eigene Vaterrolle mitzugestalten. Vaterschaft ist vielfältig geworden:

Der traditionelle Ernährer
Für ihn zählt Vaterschaft zwar zum männlichen Lebensentwurf, aber er übernimmt innerhalb der Familie kaum Verantwortung für Erziehungs- und Haushaltsaufgaben. Seine Hauptaufgabe sieht er im Schutz und in der Ernährung der Familie.

Der moderne Ernährer
Dieser Vatertyp entwickelt eine enge und gute Beziehung zu seinen Kindern. Die Versorgung der Kinder und die Arbeit im Haushalt sind für ihn aber weiterhin Aufgabe der Mutter.

Der reflexive Vater
Dieser Vater will anders sein, als der eigene Vater es war. Er sieht seine Vaterrolle als Herausforderung an, die er nach seinen individuellen Bedürfnissen selbst zu gestalten versucht. Traditionelle Bilder haben weniger Einfluss auf ihn. Umso mehr hängt das Gelingen von den Rahmenbedingungen ab (z. B. Möglichkeiten der Arbeitszeitreduzierung und Elternzeit).

Der ganzheitliche Vater
Für ihn ist Vaterschaft eine bewusste Entscheidung und etwas ganz Besonderes. Er übernimmt Verantwortung für seine Familie und beteiligt sich aktiv an der Gestaltung des Familienalltags und an der Hausarbeit.

Der egalitäre Vater
Eine Form des ganzheitlichen Vaters, mit dem Anspruch, Erziehungs- und Versorgungsaufgaben zur Hälfte mit seiner Partnerin zu teilen.


Der Vater als Gegenstand der Forschung
Aktuelle Forschungen beschäftigen sich mit der Auswirkung von gelebter Vaterschaft auf nachfolgende Generationen. Der Begriff des generativen Vaters beleuchtet ganz detailliert die möglichen Handlungsfelder von Vätern und den daraus entstehenden gesellschaftlichen Wandel.

Der abwesende Vater bezeichnet heute den von der Familie getrennt lebenden Vater (Scheidungsväter bzw. nicht sorgeberechtigter Väter). Hier gilt es Bedingungen zu finden, um diesen Vätern den Kontakt zu ihren Kindern in weitestem Umfang zu ermöglichen.

Mit der Möglichkeit, seine Vaterschaft individuell zu gestalten, wuchs aber auch die Anforderung an die Väter. Um diesen Ansprüchen ohne Überlastung gerecht zu werden, wurde der Ausdruck des hinreichend guten Vaters geschaffen. Damit die hohen Erwartungen an das väterliche Engagement nicht zum Scheitern führen, müssen wirklichkeitsnahe Formen für gelebte Vaterschaft gefunden werden. So können Väter Familie und Beruf miteinander vereinbaren.

Der Blick in die Geschichte zeigt, dass Vaterschaft auch heute nicht als feststehender Begriff zu verstehen ist. Vielmehr ist Vatersein als ein Prozess zu begreifen. Hier ist auch der Gesetzgeber gefordert, die Handlungsspielräume von Vätern zu erweitern. Die Schaffung von ausreichenden gesetzlichen Grundlagen und Rechten ist die Voraussetzung für die Veränderung gesellschaftlicher Vorstellungen.
Eingefahrene traditionelle Rollenbilder werden dann langsam durch neue gelebte Formen von Vaterschaften ersetzt. Jeder einzelne Vater trägt hierzu mit seiner eigenen Auslegung von Vaterschaft im Rahmen seiner Möglichkeiten bei. Ansprechende Aufklärungsarbeit und Fortbildungsmöglichkeiten für Väter unterstützen diese Entwicklungen.

(gw)


Quellen
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hg.): Facetten der Vaterschaft, 2006
Deutsches Jugendinstitut e.V. (Hg.): Väter, DJI Bulletin 83/84 2008


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