Sozialer Vater

Im Laufe des Lebens verändern sich Familienmodelle, beispielsweise, wenn Männer eine neue Partnerin mit Kind kennen lernen. Sie treten damit meistens in ein bestehendes Familiensystem ein. Zwar sind sie nicht der leibliche, biologische Vater, aber sie sind an dem System der neuen Familie beteiligt. Dieser Prozess des Aneinandergewöhnens ist nicht immer für alle Beteiligten einfach.

Der Begriff "Stiefvater" ist aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr zeitgemäß, deshalb ist man in der neueren Literatur zum Begriff der "sozialen Vaterschaft" übergegangen. Viele der sozialen Väter spüren Unsicherheiten, ob und wie sie die Vaterrolle ausfüllen oder welche Funktion sie in der Familie einnehmen sollen. Neben der neuen Partnerschaft und ihrem Gewöhnungsprozess der Zweisamkeit besteht ja auch noch die Gewöhnung von Seiten des Kindes an den neuen Mann. Einige Männer halten sich möglichst aus dem Eltern(erziehungs)verhalten heraus und überlassen die Verantwortung der Partnerin oder dem Partner. Andere Männer engagieren sich als sozialer Vater und versuchen, sich als der "ideale Vater" eines Kindes zu zeigen.

Die Gewöhnung aneinander kann ein spannungsgeladener und auch langwieriger Prozess sein. Die Forschung spricht in diesem Zusammenhang auch von Übergängen zur sozialen Vaterschaft, die bis zu fünf Jahre dauern können. Für die Bewältigung der Anforderungen sind Ressourcen in der individuellen und familialen Umgebung wichtig. Diese können den Übergang positiv beeinflussen und eine wesentliche Voraussetzung für den Übergang zum sozialen Vater sein.

Einige wesentliche Dinge sind anders als in der Kernfamilie und bedürfen einer besonderen Berücksichtigung. Der soziale Vater tritt in der Regel nicht bei Geburt des Kindes in die sogenannte Folgefamilie ein. Eine wesentliche gemeinsame Zeit fehlt beiden von Beginn an. Die gemeinsame Geschichte und der Aufbau einer frühen Bindung sind allerdings wichtige Voraussetzungen einer guten Vater-Kind-Beziehung. Die Beziehung zwischen sozialem Vater und Stiefkind kann sich dadurch schwieriger gestalten.

Darüber hinaus kann die Neigung zur Koalition zwischen leiblicher Mutter und Kind gegenüber dem sozialen Vater die Situation verschärfen. Koalitionen sind in Stieffamilien häufiger und besonders im Jugendalter ist die Wahrscheinlichkeit für Verhaltensauffälligkeiten und emotionale Probleme größer.

Emotionen in Folgefamilien wurden von White (1999) untersucht. Stiefkinder berichten signifikant von weniger "Wärme zueinander". Sie sind distanzierter, konfliktreicher und in den Interaktionen negativer als Vater-Kind-Beziehungen in Erstfamilien. Auch kann die Loyalität des Kindes zu seinem leiblichen Vater vom Kind konflikthaft erlebt werden. Dazu kann auch der oft geheime Wunsch des Kindes nach Wiederherstellung der Erstfamilie beitragen (Wallerstein & Blakeslee, 1989; Bray, 1999).

Hat das Kind allerdings seinen Vater als desinteressiert oder gar bedrohlich und gewalttätig erlebt, so ist seine Annäherung an den neuen Partner der Mutter durch Enttäuschung oder sogar durch Angst aus der primären Vaterbeziehung belastet. In Folgefamilien mit einer Vorgeschichte von Vernachlässigung, Gewalt und Alkoholismus in der Erstfamilie finden sich jedoch nach mehreren Jahren in großer Anzahl befriedigende und harmonische Beziehungen zum Stiefelternteil (Napp-Peters, 1995).

Soziale Väter sollten ihre Annäherung an das Stiefkind von dessen Bereitschaft zur Beziehungsaufnahme abhängig machen. Dass heißt, sie brauchen ein Gespür für das Nähe- und Distanzbedürfnis des Kindes.

Mädchen können nach Bray (1999) und Ritzenfeldt (1998) mit der Integration in Folgefamilien größere Probleme als Jungen haben. Sie scheinen dann den Stiefvater eher akzeptieren zu können, wenn sie vorher ohne Vater aufgewachsen sind. Die Mädchen zeigen gegenüber Stiefvätern weniger Wärme als Jungen und tendieren dazu, ihn negativ zu beschreiben. Mädchen ziehen verbalen dem körperlichen Ausdruck von Zuneigung durch den sozialen Vater vor, was auch mit besserer Anpassung der Mädchen korreliert (Bray, 1999, S. 262).

Das Alter der Kinder bei neuer Partnerschaft des leiblichen Elternteiles ist von entscheidendem Einfluss auf die Stiefeltern-Kind-Beziehung. Demnach können sich Kleinkinder an einen sozialen Vater schneller gewöhnen als ältere Kinder, weil die Beziehung im frühen Kleinkindalter an den Vater noch nicht so stark ausgebildet ist wie zur Mutter (Krehan-Riemer & Krehan, 1993).



Quellen
Bray, J.H. (1999): From marriage to remarriage and beyond. Findings from the developmental issues in step-families research project. In E. M. Hetherington (Ed.), Coping with divorce, single parenting, and remarriage. A risk and resiliency perspective (pp. 253-271). Hillsdale, NJ: Erlbaum

Krehan-Riemer, A. & Krehan, P. (1993): Die Stieffamilie. Wien, J&V Schulbuchverlag.

Napp-Peters, A. (1995): Familien nach der Scheidung. München, Antje Kunstmann.

Ritzenfeldt, S. (1998). Kinder mit Stiefvätern. Familienbeziehungen und Familienstruktur in Stieffamilien. Weinheim, Juventa.

Wallerstein, J. & Blakeslee, S. (1989). Gewinner und Verlierer. Frauen, Männer, Kinder nach der Scheidung. Eine Langzeit-Studie. München, Droemer-Knaur.

White, L. (1999). Contagion in family affection. Mothers, fathers, and young adult children. Journal of Marriage and the Family, 61, 284-299


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