Eltern-LAN-Party: Computerspiele selbst erleben - Regeln für die virtuelle Welt vereinbaren

24. November 2017

Für die meisten Jungen und Mädchen gehören Computerspiele zur täglichen Freizeitgestaltung. Bereits 69 Prozent der 6- bis 13-Jährigen tauchen täglich oder mehrfach in der Woche fasziniert in digitale interaktive Welten ab (KIM-Studie 2015). Dabei haben die Spielkonsole und das Smartphone längst den heimischen "Rechner" abgelöst. Umso schwerer fällt es vielen Eltern nachzuvollziehen, mit welchen Inhalten sich ihre Kinder oft sehr intensiv beschäftigen. Die Angst vor schädlichen Auswirkungen auf die Psyche junger Menschen besonders durch "blutige" Actionspiele und die Furcht vor Suchtverhalten sind groß. Bei vielen Familien sind nervenaufreibende Auseinandersetzungen darüber, was und vor allem wie lange gespielt werden darf, an der Tagesordnung. Wie ein guter Mittelweg zwischen rigiden Verboten und "einfach laufen lassen" aussehen kann, haben mehr als 90 Mütter und Väter erfahren, die am Mittwochabend auf Einladung der Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen (LJS) an einer kostenlosen "LAN-Party für Eltern" in Hannover teilgenommen haben.

Computerspiele selbst erleben
In der Akademie des Sports konnten Eltern unter professioneller Anleitung an vernetzten Rechnern, Tablets und Spielkonsolen Angebote für unterschiedliche Altersfreigaben und verschiedener Genres bis hin zu sogenannten Ballerspielen ausprobieren. "Wir wollen niemanden von Computerspielen überzeugen, sondern Grundlagen vermitteln, damit sich Kinder, Jugendliche und Erwachsene aktiv mit dem Spielen auseinandersetzen, Bewertungskriterien für gutes und schlechtes Spielen kennenlernen und zwischen zumutbaren und unzumutbaren Inhalten unterscheiden können", erläuterte LJS-Leiterin Andrea Urban.

Gewalt

Unter dem Titel "Kopf ab, Bein ab, Arm ab" gab die Referentin für Medien der LJS, Eva Hanel, differenzierte Antworten auf die Frage der Fragen: Machen gewalthaltige Spiele gewalttätig? Die unterschiedlichen Forschungsdisziplinen seien sich weitgehend einig, dass es nur einen schwachen Zusammenhang zwischen aggressivem Spielen und entsprechendem Verhalten gibt. Das soziale Umfeld, vor allem das Elternhaus mit der dort erlernten Streit- und Konfliktkultur, sei prägender als Computerspiele, referierte Hanel.

VR-Brillen lassen Welten verschwimmen

Deren Realität wird zunehmend "echter" durch die sogenannten Virtual Reality Technik (VR), die jetzt den Markt erobert hat. Besonders attraktiv sind die VR-Brillen, die am Mittwoch ebenfalls von den Eltern getestet werden konnten. Verschwimmen damit endgültig die Grenzen zwischen fiktiver und realer Welt? "Damit wirkt eine mittelalterliche Fantasy-Welt noch echter, der Schwertkampf mit dem Drachen noch glaubwürdiger, die eigenen Heldentaten sehr ähnlich wie normales Handeln im Alltag", berichtete Prof. Dr. Christoph Klimmt vom Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung der Musik- und Medienhochschule Hannover (HMTM). Er hat dazu eine aktuelle Studie mit 61 jungen Männern vorgelegt. Die VR-Technik steigere insbesondere die Anteile des Spielvergnügens, die mit dem Eintauchen in Fantasiewelten und dem Erproben neuer Rollen und Handlungsmöglichkeiten zu tun haben. "Dank Virtual Reality ist die Flucht oder der Urlaub vom Alltag, die Computerspiele ermöglichen, stärker dosiert. Das kann die positiven Effekte des Spielens fördern, aber auch die Verlockung steigern, den stark positiven Kontrast zwischen dem wirklichen Alltag - etwa in der anstrengenden Schule - und der beeindruckenden, spannenden VR-Welt häufiger und ausdauernder aufzusuchen, als es aus pädagogischer Sicht in Ordnung wäre", gab Klimmt zu bedenken. Zugleich warnte der Kommunikationswissenschaftler: Bei jüngeren Kindern könne die VR-Technik die Spielwelt "sehr nah an die Seele bringen", so dass eine Distanz von angstauslösenden Reizen schwierig werden kann.

Tipps für den sinnvollen Umgang mit Computerspielen

Die LJS empfiehlt für den sinnvollen Umgang mit Computerspielen, dass Mütter und Väter gerade bei Action- und Strategiespielen, die besonders bei den Jungen beliebt sind, unbedingt die Alterskenn-zeichnungen und pädagogischen Empfehlungen beachten sollten (s. www.spieleratgeber-nrw.de und lanparties.jugendschutz-niedersachsen.de). Unverzichtbar ist das richtige Maß: Drei- bis Fünfjährige sollten nicht länger als eine halbe Stunde pro Tag am Bildschirm verbringen, Sechs- bis Neunjährige nur maximal eine Stunde pro Tag. Für Kinder ab zehn Jahren könnte ein Wochenkontingent von bis zu neun Stunden vereinbart werden – dabei sollte auf Pausen geachtet und die Spielzeit von drei Stunden am Stück nicht überschritten werden.

Aha-Erlebnisse bei den Eltern

Für Susanne G. war das Computerspielen ihrer elfjährigen Tochter bisher unbegreiflich und löste vor allem Ängste aus. "Ich bin überrascht, wie viel Geschick, Taktik und Wissen die Kinder haben müssen, um die Spiele zu meistern. Das ist mehr als nur Daddeln und Zeit totschlagen", hat die Mutter während der LAN-Party der LJS für sich erkannt. "Nun verstehe ich, was meinen 15-jährigen Sohn so fasziniert. Ich kann mich jetzt mit ihm über sein Spielverhalten unterhalten. Dafür möchte ich Regeln vereinbaren, mit denen wir beide leben können", sagte Bert H., nachdem er ein "Ballerspiel" ausprobiert hatte.

Über die LJS

Die Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen ist ein Fachreferat der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege in Niedersachsen e.V. und arbeitet zu aktuellen Themen des Kinder- und Jugendschutzes. Die Tätigkeitsfelder sind Fortbildung, Materialentwicklung, Fachberatung, Projektentwicklung sowie die Mitarbeit in Arbeitskreisen und Gremien.

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Pressemitteilung Landesstelle Jugendschutz, 23.11.2017

Broschüren der LJS zum Thema Computerspiele
Hauptsache Action – Was spielt Ihr Kind?
Kostenlose Broschüre für Eltern gegen Versandkosten, max. 50 Stück, nur in Niedersachsen bestellbar

Computerspiele – Informationen für Multiplikatoren
Broschüre für pädagogische Fachkräfte und andere Multiplikatoren, 10 Euro zzgl. Versand

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