Interview: Führungskräfte zu ihren Vorstellungen zum Thema Vaterschaft

Führungskräften kommt bei der Umsetzung einer väterbewussten Personalpolitik im unternehmerischen Alltag eine entscheidende Rolle zu. Untersuchungen wie die in der Fachzeitschrift Personalwirtschaft veröffentlichte Studie "Thema ohne HR-Lobby" verweisen auf die Ambivalenzen und Widersprüche, die Unternehmenskulturen prägen und wohlgemeinte Appelle verpuffen lassen.

Die meisten Führungskräfte haben als "Nachkriegsgeneration" und "Babyboomer" andere Vorstellungen von Beruf und Familie im Kopf als die jüngeren und vor allem die "neuen" Väter. Sie nehmen aber durchaus wahr, dass die nachwachsenden Generationen ihr Leben anders gestalten wollen. Das wird besonders deutlich, wenn man Führungskräfte zu ihren Vorstellungen zum Thema Vaterschaft befragt. Hans-Georg Nelles hat für "Väter in Niedersachsen" mit Dieter B., Sachbereichsleiter in einem Energieversorgungsunternehmen, gesprochen:

Welche Bedeutung hat für Sie das Thema Vaterschaft?
Das Thema Vaterschaft ist für mich ein bedeutsames Thema. Vaterschaft ist ein Einschnitt im Leben, da sind verschiedene Dinge neu zu bewerten, lieb gewonnene verlieren an Bedeutung und entsprechend muss man auch, jetzt vom organisatorischen her, Dinge neu bewerten und neue Prioritäten setzen. Innerhalb der Familie gibt es neue Prioritäten und das ist eine Bindung von mehr als 20 Jahren. Bezogen auf die Arbeitswelt ist es schon wichtig, dass man als Vater, das Vatersein im Betrieb akzeptiert wird und jetzt andere Dinge Priorität haben. Wenn ich mir jede fünf Minuten Gedanken machen muss, ob mein Arbeitsplatz gefährdet ist, wenn ich mich zu Hause um mein Kind kümmere, weil irgendwelche unvorhergesehenen oder auch geplanten Dinge stattfinden, dann ist das sicherlich eine schlechte Basis der Zusammenarbeit.

Was hat für Sie aktive Vaterschaft mit den Anforderungen am Arbeitsplatz zu tun?
Jetzt muss ich zwei Dinge in Einklang bringen, Zeit für die Kinder haben, aber auch die Aufgaben erledigen, für die ich meinen Job angenommen habe. Da gibt es halt den Konflikt, das oftmals die Zeit für das eine oder andere nicht reicht und nach dem klassischen Modell war es so, bleibt die Tageszeit für die Arbeit und die geringere Freizeit in den Abendstunden oder nach Feierabend für die Kinder. Und da liegt meiner Meinung nach in der klassischen Aufteilung ein Konfliktpotenzial.

Welche Rolle spielen die Erfahrungen und Kompetenzen, die sie in der Familie erworben haben bei Ihrer Arbeit als Führungskraft?
In der Mannschaft profitiere ich von den Erfahrungen, die ich bei der Erziehung gemacht habe für das Thema Führung, das eine schließt das andere nicht aus. Also ich denke, das Verhalten den Kindern gegenüber, die Erfahrungen die ich da ganz anders sammeln muss als in meinem Berufsleben. Das kann ich ganz gut transferieren auf das Arbeitsleben. Wir wollen ja als Führungskräfte auch nicht autoritär führen, genau so wenig wie wir unsere Kinder autoritär erziehen wollen. Wir wollen mit viel Kommunikation, mit intensiver Kommunikation und mit Einfühlungsvermögen auf unsere Mitarbeiter einwirken.

Wie nehmen Sie als Führungskraft die Väter in Ihrem Bereich wahr?
Also aus meiner Berufserfahrung weiß ich, dass diejenigen, die eine aktive Vaterrolle mit übernehmen, die ja auch zu tun hat mit Erziehung, dass diese Väter auch eine Doppelbelastung erfahren. Durch ihr Mitmachen entwickeln sie aber auch persönliche Kompetenzen. Eine aktive Vaterrolle zu übernehmen, heißt auch, die eigenen Kompetenzen zu entwickeln. Das klassische Bild, die Frau kümmert sich um die Kinder, ist zu Hause am Herd usw., ich glaube, dass da die Männer sich zu sehr auf ihren Job fokussiert haben und sich persönlich auf der anderen Schiene nicht weiter entwickelt haben. Soziale Kompetenzen sind ein Beispiel und die sind bei den Mitarbeitern, die Väter sind, in ausgeprägterer Form zu finden als bei denen, die diese Rolle nicht so aktiv erlebt haben.

Und das ist ja nicht nur die Beziehung innerhalb der Familie. Man muss das auch im Verlauf des Kindesalters betrachten, denken wir mal in Richtung Schule, Begleitung auch, wenn es um die berufliche Karriere der Sprösslinge geht. Als Vater beschäftigt man sich mit der Thematik. Entweder man macht es vernünftig, dann muss man sich damit beschäftigen, man macht es auch gerne, und lernt dabei auch ganz andere Umfelder kennen. Die Teilnahme an Schulveranstaltungen, Übernahme von Klassenpflegschaftsvorsitz und ähnliche Dinge, das sind zwar zusätzliche Aufgaben, die aber im Kern eine Erweiterung der sozialen Kompetenz beinhalten.

Welche Veränderungen haben Sie im Verlauf der Zeit beobachten können?
Ich glaube, heute ist eine größere Akzeptanz da. Es ist schon normal, das ein Vater auch eine Elternzeit für sich auch in Anspruch nimmt. Das wird inzwischen positiv begleitet durch Kollegen und auch durch Führungskräfte, während es früher doch mehr belächelt wurde.

Wie hat sich in Ihren Augen das Ansehen von Vätern, die Elternzeit nehmen, im Laufe der letzten Jahre verändert?
Das ist natürlich eine Entwicklung, und das Ansehen, vor fünf oder zehn Jahren hätte man die, die zu Hause bleiben, als Weicheier tituliert. Aber ich glaube, das hängt wesentlich mehr von demjenigen ab, der zu Hause bleibt, wie er das vermitteln kann. Es ist heute für einen Vater sehr viel einfacher geworden zu sagen, ich gehe in die Elternzeit. Dieses Stigma, "das tut man als Mann nicht", das ist aufgeweicht, aber darstellen muss man es trotzdem. Das wird für einen Mann immer noch schwieriger sein als für eine Frau. Da gehört schon ein Standing dazu, immer noch.

Welchen Handlungsbedarf sehen Sie für die Zukunft?
Ich denke, man sollte die Väter informieren, dass es so was gibt, animieren, das mitzumachen, ich finde es schon wichtig, dass Kinder von beiden Teilen erzogen werden und sich Väter und Mütter für das Kind zuständig fühlen. Von daher sollte man informieren und dazu beitragen, dass die Väter das auch wahrnehmen.

Das Interview führte Hans-Georg Nelles.

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Das Interview steht auch als pdf-Datei zum Download bereit.

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