Jedes Kind braucht einen Vater

Der Autor Rainer Neutzling beschreibt in seinem Artikel "Jedes Kinder braucht einen Vater" was nach der Trennung einer Partnerschaft dem Vater, der Mutter und in erster Linie dem Kind fehlt. Und was ist mit den Männern, die nie mit ihren Kindern zusammengelebt haben, die ihre Kinder gar nicht kennen? Rainer Neutzling gibt auf diese und weitere Fragen Antworten und stellt hier Verhaltensempfehlungen vor, die für Mutter und Vater zugunsten ihres Kindes beachtet werden sollten.


Jedes Kind braucht einen Vater (auch wenn er nicht da ist)
© Rainer Neutzling, Köln 2009

Dieter Schnack, mit dem ich das Buch "Kleine Helden in Not" geschrieben habe, hat einmal auf die Frage: "Was ist männlich?" gesagt: "Ich weiß, wie Männlichkeit riecht. Männlichkeit riecht nach Tabak, nach Leder, nach Hasenbroten, nach Lack und Schweiß, kurz, sie riecht wie die Tasche, die mein Vater bei sich trug, wenn er abends von der Arbeit kam. Ich bin mir ganz sicher, dass Männlichkeit so riecht - und ich bin froh um diese Sicherheit." (1997)

Bis zu seinem Tod haben wir uns viele Jahre mit der Frage beschäftigt, was Jungen brauchen. Und stets sind wir zu dem Ergebnis gekommen, dass es außerordentlich wichtig ist für einen Jungen, seinem Vater ähnlich sein zu können - ohne damit in einen Konflikt zu geraten. Aber auch die Mutter ist für einen Jungen ein unersetzliches Identifikationsobjekt. Je älter ich werde, umso klarer wird mir, wie viel von beiden, Vater und Mutter, in mir steckt. Deshalb ist es auch für Mädchen immens wichtig, dem Vater ähnlich sein zu dürfen. Das heißt, und ich möchte das betonen, weil es in der pädagogischen Diskussion nicht selten 'vergessen' wird: Der Vater ist für die Tochter genau so bedeutsam wie für den Sohn. Und: Die Mutter ist es für den Sohn nicht weniger als für die Tochter.

Im Lebens- und Erziehungsdreieck Mutter-Vater-Kind ist der Vater daher keine bloße Zutat zum mütterlichen Erziehungssegen, auf die gegebenenfalls verzichtet werden könnte. Der Vater ist vielmehr unverzichtbar. Natürlich geht es auch ohne Vater. Es geht auch ohne Mutter, ja sogar ohne beide Eltern. Aber besser ist die Triade, also das Dreieck Mutter-Vater-Kind. Fehlt der Vater oder fehlt die Mutter, ist vieles schwieriger, anfälliger.

Tosende Emotionalität
Wer Fachaufsätze über Scheidungskinder, alleinerziehende Mütter, getrennt lebende Väter und die finanziellen sowie seelischen Folgen einer Trennung für alle Beteiligten liest, hat schnell den Eindruck, dass die Autorinnen und Autoren große Mühen haben, sachlich zu bleiben. Nicht wenigen misslingt es auch, manche wollen es auch gar nicht, und so stellt sich bald das beklemmende Gefühl ein, mitten in einen hässlichen Scheidungsstreit hineingeraten zu sein.

Bei Trennung und Scheidung gibt es für die Betroffenen meist wenig Klarheit und viel Konfusion, wenig Sicherheit und viel Angst, mehr Wut als Trauer, mehr Hass als verbliebene Zuneigung - im besten Fall nur vorübergehend. Und immer muss einer Schuld sein. Schuld, Schuldgefühle, Schuldzuweisung und Schuldabwehr spielen die entscheidende Rolle. Doch alle zusammen sind die Feinde der guten Eltern-Kind-Erfahrung.

Geht es um alleinerziehende Mütter, stellt sich etwa die Frage, wie viele davon beispielsweise den Vater des Kindes nur eine Nacht kannten und nie vorhatten, mit ihm das Leben und die Elternschaft zu teilen? Andere alleinerziehende Mütter haben mit dem Vater des Kindes über Jahre hinweg Tisch und Bett und die Erziehung geteilt. Wie viele sind wirklich allein erziehend? Und sind sie es, weil sie möglichst wenig von diesem Vater für ihr Kind wollen, oder weil der Mann als Vater von sich aus nicht zur Verfügung steht? Wie stehen diese Mütter dem Vater des Kindes gegenüber? Voll Zorn, voll Enttäuschung, verletzt, gedemütigt, verlassen? Oder versöhnt, aufgeräumt, geheilt, selbstbewusst und respektvoll? Und die getrennt lebenden Väter? Ist ihr Zorn auf die Frau verraucht oder lodert er noch lichterloh? Sind es Väter, die sich im Guten von der Mutter ihres Kindes trennen konnten? Oder fühlen sie sich verstoßen, beraubt und ausgenutzt? Wollen sie im Einvernehmen mit der Frau engagierte Väter sein, oder ist ihre Vaterschaft eine Art Betriebsunfall, den sie gewissermaßen vor sich selbst vertuschen?

Je mehr man darüber nachdenkt, wem es nun Recht zu machen sei, umso mehr droht man verloren zu gehen angesichts der tosenden Emotionalität, die mit einer Trennung einer Familie verbunden ist - darin einem von der Trennung seiner Eltern betroffenen Kind vielleicht nicht unähnlich.

Wer herausfinden wolle, sagt der Schweizer Kinderheilkundler Remo H. Largo (2004), ob Scheidungskinder später einmal als Erwachsene beziehungsfähig würden, müsse fragen: Wie sind ihre Beziehungserfahrungen? Nicht: In welchem Familienmodell wachsen sie auf? Kinder kopierten die Art und Weise, wie ihre Eltern miteinander umgehen. Ist die Beziehung also voller Ablehnung oder respektieren die Eltern sich im Großen und Ganzen?

Wozu brauchen meine Kinder mich?
Also stelle ich mir zwei einfache Fragen, die allerdings gar nicht einfach zu beantworten sind: Wozu brauchen meine Kinder mich? Und: Was fehlte mir, wenn wir nicht mehr zusammen lebten - wenn ich den Kontakt zu ihnen verlöre, weil ich mit ihrer Mutter dermaßen verkracht wäre, dass wir nur noch zerknirscht und feindselig voreinander stünden?

Als erstes fehlte meinen Kindern der Mann, der ich nicht mehr wäre: Ein im Großen und Ganzen glücklicher und zufriedener Alltagsmann. Wie viel Hektik auch immer morgens beim Frühstück vor der Schule und der Arbeit herrschte, wie oft wir auch aneinander gerieten (Jetzt räumt endlich eure Sachen weg! Zieht verdammt noch mal die Schuhe an! Ihr geht mir auf die Nerven mit euerm ständigen Geschrei!) - spätestens am Abend haben wir uns wiedergesehen und Gelegenheit gehabt, uns wieder zu vertragen. Jeder Tag bot die Chance auf einen neuen Anfang. Das ist nun vorbei. Ich bin nicht mehr da. Ich bin weg. Da ist kein im Großen und Ganzen glücklicher und zufriedener Mann mehr. Wir können uns nicht mehr jeden Tag in den Arm nehmen, uns nicht mehr jeden Tag einen Kuss geben. Die Kinder und ich, wir fehlen uns ganz erbärmlich.

Die Kinder verlieren, dass sie jeden Tag in meinen Augen lesen können, dass ich ein glücklicher, besorgter, genervter, stolzer und eben liebender Vater bin. Dass ich gerne ihr Vater bin. Jeder Zweifel an meiner Liebe, meiner Loyalität, meiner Verlässlichkeit und meiner Zuversicht, meiner Fähigkeit, sie zu beschützen, zu trösten, sie in schwierigen Lebenssituationen zu begleiten, zu beraten und ihnen den Rücken zu stärken - all das, was ich immer wollte und will, weil ich ihr Vater bin. Jeder geringste Zweifel daran kann sie krank machen, seelisch und körperlich.

Sie verlieren eine Mutter, die von ihrem Vater begehrt wird, und die von mir begehrt werden will. Die Kinder, die sowohl mich als auch ihre Mutter in sich tragen, erleben nicht mehr, wie ihr Vater DIE Frau begehrt, die in ihnen steckt, und nicht mehr, wie ihre Mutter DEN Mann begehrt, der ein Teil von ihnen ist. Dies zu können und zu dürfen ist eine wichtige Voraussetzung für die kindliche Selbstakzeptanz, die kindliche Selbstliebe.

Meine Kinder erleben nicht mehr, oder sie haben uns daran scheitern gesehen, wie Mann und Frau respektvoll miteinander umgehen, wie die Geschlechter sich streiten und wieder vertragen. Wenn sie bei mir sind, wird ihnen die Mutter fehlen, weil sie nicht im Guten dabei sein kann, will oder darf (und sei es nur im Herzen). Sind sie bei ihrer Mutter, bin ich ausgeschlossen.

Sie haben mich nicht mehr nahe bei sich, der ich doch ganz besonders rieche, mich ganz besonders anfühle, mich ganz besonders anhöre und der auf eine ganz eigene, ihr-vater-typische Weise am Tisch sitzt, lacht und isst, mürrisch da hockt oder einen Witz erzählt.

Ich habe kaum noch Gelegenheit, sie zu Rebellion gegen Überbehütung, zu Selbstständigkeit und zu wilden, potenziell gefährlichen, weil körperbetonten Spielen zu ermutigen - und eben doch zur Stelle zu sein, wenn sie meinen Schutz brauchen. Die Distanz zwischen uns ist keine der sichernden Entfernung, sondern der fehlenden Nähe. Gut möglich, dass meine Kindern sich bald immer weniger zutrauen, oder aber, dass sie sich (insbesondere mein Junge) im schlechten Sinn zuviel zutrauen, häufig sich und andere in Gefahr bringen und verunglücken - weil meine Rückendeckung fehlt und mein Rat, wie man sich in Gefahr begibt und nicht darin umkommt.

Meine Kinder verlieren die Wärme, die ich jeden Tag gegeben habe. Ich fehle als Schmusender, Herzender, Erziehender, als Grenzen Setzender, als Spielender und als jemand, zu dem sie nachts ins Bett kriechen konnten.

Ich bin nicht mehr die fraglose, archaische Garantie, dass ihnen nichts passieren wird, dass sie - komme was wolle - nicht verhungern werden. Meine Hand, an der es einst keine Gefahr gab, finden sie jetzt vielleicht nur noch einen Abend in der Woche und alle vierzehn Tage an einem mit Sehnsüchten überfrachteten Wochenende. In meinen Armen war einst alles gut. Jetzt nicht mehr.

Meine Kinder können mich nicht mehr beobachten, wie sehr mir Musik gefällt, warum ich arbeite und Geld verdiene. Sie lernen nicht mehr von mir, wofür sich Engagement und Leistung lohnen. Ich kann ihnen nicht mehr die Welt erklären, denn ich kann ihnen nicht einmal begreiflich machen, wieso wir nicht mehr zusammen leben.

Der innere Vater
Gewiss wird nicht jeder getrennt lebende Vater spontan so detailliert Auskunft darüber geben können, was ihm durch die Trennung von seinen Kindern alles abhanden gekommen ist, wo und wie genau sie ihm fehlen und in welcher Weise er ihnen fehlt. Und natürlich gibt es Väter, die sich einfach aus dem Staub machen. Doch das ändert nichts an der Tatsache, dass all dies und mehr dem von seinem Vater getrennten Kind fehlt.

Selbst Kindern eines gewalttätigen Vaters, der die Familie verlassen hat oder sie verlassen musste, fehlt ihr Vater. Ihnen fehlt der gute Vater. Nicht der "gute" im Sinne eines Bilderbuchvaters, der groß und freundlich und milde ist und praktisch keine Erziehungsfehler begeht. Ihnen fehlt vielmehr der Vater, den das Kind als guten Teil seiner selbst empfinden kann.

Im Rahmen einer Studie (2005) habe ich einmal einen 17-jährigen Jungen namens Martin interviewt. Martin wurde Zeit seines Lebens von seinem Vater massiv verprügelt und von seiner Mutter nicht beschützt. Immer wieder verließ der Vater die Familie, entweder weil er zu einer anderen Frau ging, oder weil er für eine Weile in den Knast wanderte. Martins Mutter nahm ihn jedes Mal bereitwillig wieder auf. "Warum tut sie das", fragte ich den Jungen. Er zuckte die Schultern und sagte: ""Sie hat Angst und liebt ihn."

Als Martin 14 Jahre alt ist, beginnt er die Rolle des Vaters zu übernehmen, wenn dieser mal wieder verschwunden ist. Er beginnt, seine Geschwister und die Mutter zu schlagen und motzt den ganzen Tag jeden an. Bis sie ihm sagen: "Heh, du bist schon wie der Vater!"

Obwohl Martin für sein Verhalten weder Zuspruch noch Bestätigung erhält, kann er es nicht ändern. Der Wunsch nach Identifikation mit dem Vater übt einen ungeheueren Sog aus. Nicht, weil Martin ein Schläger sein will, sondern weil er sich mit den von ihm bewunderten Seiten des Vaters zu identifizieren will.

Auf die Frage, wie das war zu hören, er sei wie sein Vater, antwortete er:
"Ich hab mir vielleicht zu sehr vorgenommen, so zu werden wie er. Und dann ist die Sache eskaliert. Ich wollte nicht ganz so heftig werden wie er. Aber die haben immer nur gesagt: Du bist wie dein Vater, wenn ich irgendwas Schlimmes gemacht habe, zum Beispiel wenn ich wieder mal 'ne Schlägerei hatte. Sie haben das nie gesagt, wenn ich irgendwas Vernünftiges gemacht hab."

"Was fandest du denn gut an deinem Vater?"
"Was fand ich gut an meinem Vater? Ja, der hat Frau und Kinder, der hatte sein eigenes Häuschen, er hat geregelte Arbeit gehabt, kam eigentlich ganz gut klar, außer dass er das mit seiner Gewalt nicht in den Griff kriegte. Er machte seinen Job einfach super, da hat sich immer jeder für bedankt. Der hatte auch immer dieses Lockere. So 'n bisschen Coolness hatte der wohl. Und das hat mich schon 'n bisschen begeistert. Der hatte irgendwie 'n Händchen dafür, so mit Leuten zu quatschen, irgendwie 'ne lockere Stimmung rüber zu bringen. Und das hab ich sehr an ihm bewundert. Und das wollte ich eigentlich nur die ganze Zeit, ich wollte ja so werden wie er, aber bloß nicht mit dem Schlagen halt. Bloß, dabei ist das genau andersrum passiert. Ich hab nur das mit dem Schlagen von ihm gekriegt."

"Also warst du nicht so locker, wie du gerne gewesen wärst?"
"Nein, ich war immer verkrampft und steif und hab mich irgendwie immer mit irgendwelchen Leuten in den Haaren gehabt. Und wenn's nur 'ne Lappalie war. Ich hab mich immer dermaßen aufgeregt, und hab immer versucht, das so zu drehen, dass ich im Recht bin. Es darf mir überhaupt gar keiner quer kommen und - keine Ahnung."

Martins Geschichte ist das traurige Scheitern eines Jungen bei dem Versuch, den Vater in einen guten und einen schlechten Menschen aufzuspalten und sich nur dessen geschätzten Eigenschaften anzueignen. Er brauchte eine Psychotherapie, die versuchte, möglichst viele Wunden seiner Kindheit zu heilen, die dadurch entstanden waren, dass keine der drei Beziehungen der Vater-Mutter-Kind-Triade funktioniert hat.

Sein Schicksal ist exemplarisch für viele Jungen von gewalttätigen Vätern und zeigt, wie stark der Wunsch nach dem Ähnlichsein mit dem Vater ist, ob der Vater nun ein "Guter" oder ein "Böser" ist. Das gilt auch für den mehr oder weniger normalen Beziehungsalltag von Kindern und ihren Vätern. Ein Kind wird sich auch mit einem von der Mutter als "schlecht", "unzuverlässig" oder "unverantwortlich" bewerteten Vater identifizieren wollen, ja müssen. Überwiegen nicht die positiven Zuschreibungen der Mutter an den Vater und die realen Erfahrungen des Kindes mit ihm, wird das Kind darüber mit großer Wahrscheinlichkeit Selbstwertprobleme entwickeln. Es wird sich fragen: Wer bin ich, wer darf ich sein, wenn ein zentraler Teil von mir nicht gut ist oder nicht gut sein darf? Macht der Vater die Mutter unentwegt schlecht, haben Sohn und Tochter das gleiche Problem.

Der unbekannte Vater
Von Kindern, die ihre leiblichen Eltern nie gekannt haben, weiß man, dass viele von ihnen sich irgendwann auf die Suche nach ihnen machen - auch wenn sie es in ihren Pflege- oder Adoptivfamilien gut gehabt haben. Das ist keine Undankbarkeit gegenüber den sozialen Eltern, sondern eine Folge des tiefen Wunsches, sich seiner leiblichen Herkunft zu vergewissern.

Auch deshalb raten Familientherapeuten Männern, die gegen ihren Plan und Willen Vater werden, sich bewusst zu machen, dass sie vom Moment der Zeugung an eine eigenständige Beziehung zu dem Kind haben und - ganz wichtig -: das Kind zu ihnen. Vielleicht hat der Mann bloß eine Nacht mit der Mutter dieses Kindes verbracht. Dabei ist sie ungewollt schwanger geworden und hat nun zu seinem Entsetzen beschlossen, das Kind zu bekommen. Er fühlt sich ihrer Entscheidung ohnmächtig ausgeliefert, ist verzweifelt und wütend. Nicht wenige Väter schlagen in einer solchen Situation überstürzt die Tür zum Kind und seiner Mutter zu.

Besser für sich selbst und für das Kind ist es dagegen, die Tatsache zu akzeptieren, dass er ein Kind gezeugt hat und damit eine seelisch untrennbare Beziehung besteht (auch wenn sie nicht gelebt wird). Das Kind als eigenständigen Menschen zu sehen, kann dem Mann helfen, seine Vaterschaft als schlichte Tatsache zu akzeptieren. Tut er das, liegt die weitere Ausgestaltung seiner persönlichen Zukunft mit seinem Kind durchaus in seiner Hand: Was für ein Vater möchte er sein? Will er nur Unterhalt zahlen und keinen Kontakt zu Frau und Kind haben? Oder kann er sich vorstellen, dem Kind ein verlässlicher Vater zu sein?

Ist unklar, ob Mann und Frau eine gemeinsame Zukunft haben, oder ob der Mann Kontakt zum Kind haben wird, ist es wichtig, einige weitreichende Entscheidungen zu treffen, wie die Kölner Familientherapeutin Hildegard Jürgens schlägt vor, dass der Mann der Frau ein aktuelles Foto von sich geben sollte, das dem Kind später zeige, wie sein Vater ausgesehen hat. Zudem sollte er der Mutter eine Liste überreichen, auf der Familienkrankheiten, Allergien und andere wichtige Informationen für die Gesundheit des Kindes vermerkt seien. Und er sollte Unterhalt zahlen. Auch wenn Vater und Kind sich nie sehen werden, kann es für das Kind doch von unschätzbarem Wert sein, zu wissen oder einmal zu erfahren, dass es seinem leiblichen Vater zumindest das jeden Monat wert gewesen ist. Eine bescheidene und doch unter Umständen sehr bedeutsame Verbindung des Kindes zu seinem Vater.

Minderjährige Väter
Eine in der (sozial-)pädagogischen Diskussion oft vernachlässigte Gruppe von Vätern sind minderjährige oder noch sehr junge Väter. Im Gegensatz zu minderjährigen Müttern weiß niemand genau, wie viele es von ihnen gibt. Immerhin weiß man aus der Forschung über jugendliches Beziehungsverhalten, dass je jünger geschlechtsreife Mädchen sind, desto häufiger haben sie in etwa gleichaltrige Partner. Und: Der Altersunterschied von unter 20-jähriger Frauen zu ihren Partnern liegt in der Mehrheit unter drei Jahren. Deshalb lässt sich sagen, dass von den rund 6.000 Kindern, die jedes Jahr von minderjährigen Frauen geboren werden, zwischen 4000 und 5.000 einen minderjährigen oder unwesentlich älteren Vater haben dürften.

Während minderjährige Mütter inzwischen recht gut beforscht wurden, weiß die Fachwelt kaum Substanzielles über die jungen Väter zu berichten. Entweder werden sie gar nicht befragt, oder man versucht erst nach Abschluss der Mütter-Studie Kontakt zu ihnen aufzunehmen, dies dann allerdings eher halbherzig und daher oft erfolglos. Gleichwohl gibt es etliche vermeintliche Gewissheiten, was von den jungen Burschen zu halten sei: Sie haben sich nicht um die Verhütung gekümmert, lassen das schwangere Mädchen oft sitzen, gehen nicht zur (Schwangerschaftskonflikt-)Beratung, haben kein Geld (zahlen also keinen Unterhalt), sind eigentlich zu nichts richtig zu gebrauchen, machen meist Ärger und stehen im Weg herum...

Für Teenagermütter hat sich ein inzwischen recht gut aufgestelltes Hilfesystem entwickelt, zu dem junge (werdende) Väter jedoch kaum Zugang finden:

  • Die Jugendhilfe hat in erster Linie das Kindeswohl im Blick, doch fokussiert sie sich dabei auf die Mutter. Der dazu gehörende (werdende) Vater wird in dem Sicherungsprozess oft als zusätzlicher Problemmacher wahrgenommen, um den man sich nicht auch noch kümmern will, und bei dem – ist er noch minderjährig - erst mal ohnehin kein Unterhalt einzutreiben ist.
  • Für die Mütter gibt es laut § 19 SGB VIII eine gesetzliche Grundlage, sie etwa in einem "Mutter-Kind-Heim" zu betreuen. Eine Regelung für eine gleichzeitige Väterarbeit gibt es nicht. Das erschwert es jenen Einrichtungen, die offen sind für die jungen Männer, sich angemessen um sie zu kümmern. Und das trägt nicht wenig dazu bei, dass die jungen Familien oft früh zerbrechen oder erst gar nicht zustande kommen.
  • Zwar steht eine Schwangerschafts(konflikt)beratung grundsätzlich auch Jungen und Männern zu, doch ist die einschlägige Beratungslandschaft natürlich sehr weiblich geprägt und hat wenig Erfahrung in der Beratung von männlichem Klientel. Teils weil Jungen und Männer sich grundsätzlich vergleichsweise schwer damit tun, eine Beratung aufzusuchen, teils weil sie annehmen, in der Konfliktberatung neben der Frau und gegenüber einer Beraterin eher schlechte Karten zu haben.

Während bei der standesamtlichen Anmeldung aller neu geborener Kinder in durchschnittlich 8,5 Prozent der Fälle kein Vater angegeben wird, ist dies bei minderjährigen Müttern zwischen 90 und 75 Prozent der Fall. Je jünger die Mutter ist, desto häufiger wird kein Vater angegeben. (Statistisches Bundesamt 2008)

Das hat überwiegend den Hintergrund, dass die Eltern des jungen Mannes häufiger als der Junge selbst darauf drängen, einen Vaterschaftstest machen zu lassen. Der ist jedoch erst nach der Geburt des Kindes möglich. Kommt es dann zu einer gerichtlich erwirkten oder freiwilligen Vaterschaftsfeststellung, ist nicht nur eine lange Zeit verstrichen, in der sich die jungen Leute als werdende Eltern hätten finden und der junge Mann sich als baldiger Vater hätte neu definieren können. Da minderjährige Mütter zudem meist bei den eigenen Eltern leben (nur äußerst selten bei den Eltern des Jungen), ist es für die jungen Väter äußerst schwierig, in ihre Vaterrolle hineinzuwachsen: Wie lässt sich Vaterschaft im Wohnzimmer der Schwiegermutter leben?

Insgesamt entsteht der Eindruck (und formuliert sich die Botschaft), dass auf das Zutun minderjähriger Väter erst einmal verzichtet werden kann – was viel zu oft dann auch für immer so bleibt. Zum Schaden der Kinder, die niemand fragt, weshalb sie auch einen minderjährigen Vater gut gebrauchen könnten.

Da ältere häufiger als sehr junge Frauen den Vater ihres neu geborenen Kindes angeben, kommt es übrigens in der amtlichen Statistik zu einer kuriosen Schieflage: Bei den 16-jährigen Vätern ist die Mutter ihres Kindes zu 70 Prozent (zum teil deutlich) älter als sie. Auch die 18-jährigen sind zu 65 Prozent mit einer älteren Frau Vater geworden (worunter 2007 auch die ein oder andere Frau 35plus war.) Was weiß man darüber, ob und wie diese jungen Männer ihre Vaterrolle ausfüllen? Nichts.

In den Augen des Vaters
Die Vater-Mutter-Kind-Triade zeichnet sich im guten Fall durch drei eigenständige Beziehungen aus, die ein möglichst gleichschenkeliges Dreieck. Der Soziologe Bruno Hildenbrand (2004) betont, dass in diesem Beziehungsdreieck alle drei Beteiligten einen ungeteilten Anspruch aufeinander haben. Gleichwohl seien die Beziehungen von stetig wechselnden und durchaus konflikthaften Nähe- und Distanzpositionierungen geprägt, wozu er ein Beispiel schildert:

Ein achtjähriger Sohn kommt mit dem Vater an einem verregneten Sonntag von einer Fahrradtour im Wald nass und verdreckt nach Hause. Kann sein, dass die Mutter den Vater nun als unvernünftig schimpft und der Junge sich dann stolz neben seinen Vater gegen die Mutter stellt. Aber das wird ihn nicht daran hindern, nach der mütterlichen Ansprache ein warmes Bad zu nehmen und sich anschließend an die Mutter zu kuscheln und den Vater aus dieser innigen Beziehung auszuschließen.

Es sei dieser ständige, mit produktiven Konflikten verbundene Wechsel in der Triade, der die Persönlichkeitsbildung des Kindes voran bringe. "Die emotionale Basis, die Dauer und die Verlässlichkeit", sagt Hildenbrand, "bilden die Grundlage dafür, dass ein Kind diese Konflikte überhaupt aushalten kann, die notwendig sind, eine Identität auszubilden." Fehle ein Element in dieser Triade, fordere dies von den Kindern Kompensationsleistungen, etwa die lebenslange Suche - meist nach dem Vater oder nach Vaterersatzfiguren.

Meiner Erfahrung nach zweifeln Kinder, die eine liebevolle Beziehung zum Vater entbehren mussten, später häufiger als andere an sich und ihren eigenen Fähigkeiten. Oft haben sie ein erhöhtes Risiko, tendenziell mutlos und antriebsschwach zu werden. Oder sie sind extrem leistungsorientiert, allerdings ohne je zufrieden mit sich zu sein. Ihnen fehlt die grundlegende Erfahrung, in den Augen des Vaters zu lesen: Du bist gut, du bist schön, und ich liebe dich, auch wenn du mal Dinge tust, die mich ärgern.

Das ist im Übrigen die zentrale Botschaft der Kinder an ihre Eltern. Mann und Frau haben sich freiwillig aneinander gebunden; ihre Liebe ist im Grunde an Bedingungen geknüpft, oft muss gewissermaßen nachverhandelt werden. Gibt es irgendwann nicht mehr genügend Übereinstimmung, vergeht die Liebe: Man trennt sich. Dem gegenüber ist die Liebe zwischen Eltern und Kindern im Prinzip unkündbar. Unter normalen Umständen leben Kinder diese Bedingungslosigkeit gegenüber Mutter und Vater auch: Du bist gut, du bist schön, und ich liebe dich, auch wenn du mal Dinge tust, die mich ärgern. Ist das aus irgendwelchen Gründen nicht möglich, droht dem Selbstwertgefühl des Kindes erheblicher Schaden.

Söhne, die mit ihrem Vater viel schmusen, erleben Homophilie pur - die anders als die Homosexualität nicht auf sexuelle Erregung abzielt. Es ist ein wahres Wunder und keineswegs ein Widerspruch zur heterosexuellen Leitkultur, wie leidenschaftlich und geschmeidig sich ein Junge an seinen Vater schmiegen kann. Die Zartheit, mit der er den Körper des Vaters erkundet, ihn küsst und streichelt, das Dahinschmelzen des Jungen unter den Händen des Mannes, das phallische Jauchzen beim Balgen und Hochwerfen, gemeinsames Baden, gemeinsames Urinieren, gemeinsame Genitalhygiene und viele, viele Küsse. All das schafft eine unvergleichlich innige Liebesbeziehung zwischen Vater und Sohn.

Vieles spricht dafür, dass die ebenso unvergleichlich innige Liebesbeziehung zwischen Vater und Tochter von großer Bedeutung für die Liebesfähigkeit eines Mädchens ist. Auch hier geht nicht um sexuelle Stimulationen. Im Gegenteil. Vielmehr geht es um die Abgrenzung des Sexuellen vom Erotischen. Mädchen, die mit ihrem Vater nach Herzenslust schmusen und balgen und mit lustvoller Aggression sozusagen auf ihm herumtrampeln können, erfahren etwas sehr Essenzielles, nämlich die gefahrlose Hingabe UND die tatkräftige Aneignung eines Liebesobjektes - beides wichtige Erfahrung für das spätere Liebes- und Beziehungsleben.

Das Gleiche gilt für das körperliche Verhältnis zwischen der Mutter und ihrem Sohn bzw. ihrer Tochter. Auch und vor allem von ihr erfahren die Kinder, was am weiblichen und männlichen Körper begehrenswert ist und wie man begehrt. Wer mit weiblicher und männlicher Liebe reich beschenkt ist, hat beste Chancen, ein liebesfähiger Mensch zu bleiben - gleich, ob er oder sie sich später hetero- oder homosexuell orientiert.

Der "klassische" Vater
Aber sind es in dem Eltern-Kind-Dreieck nicht die Väter, die sich der Verantwortung für ihre Kinder entziehen, die immerzu nur arbeiten und zu wenig Zeit für sie haben, die ihre Kinder bei einer Trennung ganz selbstverständlich bei der Mutter lassen, weil sie ja arbeiten müssen, und sofort die Unterhaltszahlung einstellen, sobald die Sache nicht nach ihrer Nase läuft - falls sie überhaupt zahlen!? Wenn sie schon so furchtbar wichtig sind für die Entwicklung ihrer Kinder: Warum kümmern sie sich dann nicht mehr?

Wer versucht, auf solche Vorhaltungen zu antworten, gerät augenblicklich in den eingangs erwähnten unschönen Scheidungsstreit. Deshalb soll an dieser Stelle etwas über die klassischen Mutter- und Vaterrollen unserer Kultur gesagt werden. Vielleicht wird dadurch so mancher Missstand verstehbarer, ohne gleich Schuldige präsentieren zu müssen.

Anders als Mädchen müssen Jungen sich im Allgemeinen früh von der schönen Allmachtsphantasie verabschieden, ein Kind allein aus sich heraus erschaffen zu können. Deshalb müssen sie ihre generative Potenz, also ihre Fähigkeit, an der Erschaffung von Kindern mitwirken zu können, etwa gegen Ende des Kindergartenalters in gewisser Weise verdrängen. Dass sie fruchtbar sind, wird ihnen oft sehr viel später wieder bewusst, meist, wenn eine Frau ihnen sagt, dass sie schwanger ist. Eine weitere Folge dieser Verdrängung ist die oft gescholtene Nachlässigkeit von Jungen und Männern bei der Empfängnisverhütung. Wenn ihnen als Junge doch nur mal jemand gesagt hätte, dass ihre Fruchtbarkeit etwas ist, worauf sie stolz sein können.

Nils ist fünf Jahre alt und weiß, dass Frauen Kinder gebären können. Schließlich hat er es bei seiner Mutter erlebt, die seine jüngere Schwester zur Welt gebracht hat. Sich nicht darum scherend, dass er ein Junge ist, geht er selbstverständlich davon aus, dass auch er später einmal Kinder zur Welt bringen wird. Auf den Hinweis, nur Frauen könnten schwanger werden, reagiert er enttäuscht. Unterdessen sonnt sich seine dreijährige Schwester im Licht der exklusiv weiblichen Fähigkeit, nicht nur ihre Eltern einmal zu Großeltern, sondern auch ihren Bruder zum Onkel machen zu können. Nils hat dem nichts entgegenzusetzen. Bis er erfährt, dass die Eier im Bauch der Frau vom Samen des Mannes befruchtet werden müssen, damit daraus ein Baby entstehen kann. "Der Mann muss der Frau seinen Samen geben?", fragt er, und in seinen Augen flammt Erzeugerstolz auf.

Seitdem kann ihm kein Mädchen mehr in Sachen Kinderkriegen eine lange Nase machen. Gut möglich, dass ihm später einmal der verantwortliche Umgang mit seiner Fruchtbarkeit selbstverständlich ist. Bei Bedarf wird er nicht nur die ungewollte Mutterschaft eines Mädchens, sondern auch die eigene ungewollte Vaterschaft verhüten.

Während die weibliche Fruchtbarkeit als schöpferische Kraft und damit als Quelle von Geschlechtsstolz angesehen (und die erste Menstruation mitunter sogar gefeiert) werden kann, käme niemand auf die Idee, anlässlich des ersten Samenergusses des Sohnes eine kleine Familienfeier zu arrangieren.

Und die klassischen Mutter- und Vaterrollen? Wie tief verwurzelt uns alt anmutende Rollenbilder sind, möchte ich mit einer kurzen Geschichte zeigen:
Geht im Hollywood-Film ein Ozeanriese unter, stehen garantiert zu wenige Rettungsboote zur Verfügung. Die Mütter greifen sich die Kinder, die Väter kämpfen um einen Platz für sie. Und immer gibt es diesen einen Mann, der uns von Anfang an unsympathisch war: Oft ist er klein und dick, ein aufdringliches Großmaul. Seine Unmännlichkeit offenbart sich - wir erwarten es gar nicht anders - stets im entscheidenden Moment: Er ist immer der einzige Mann, der sich nicht an die Parole hält: "Frauen und Kinder zuerst!". Er drängt sich einfach ins Rettungsboot und besetzt den letzten freien Platz. Er hat Angst und will nicht sterben. Wir aber denken: So eine Memme!

Unterdessen schafft es die Ehefrau des Hauptrollenhelden samt gemeinsamem Kind mit letzter Kraft ins rettende Boot, doch sie will nicht ohne ihren Mann gehen. Nun muss er auf sie einwirken: "Liebes, du musst dich um unsere Kleine kümmern! Glaub mir, es ist das Beste!ö (Und niemand wird in einer solchen Situation eine Diskussion mit ihm darüber beginnen, dass er als Vater auch ganz gut für das Kind sorgen könnte. Eine komische Vorstellung: Der Vater stiege in das Boot zum Kind, und die Mutter bliebe zurück...)

Natürlich wehrt sich die Frau, obwohl sie doch weiß, dass es keine Alternative gibt. Hilft eindringliches Zureden des Mannes nicht, muss er der Frau befehlen, sich mit dem Kind in Sicherheit zu bringen. Endlich sitzen alle Frauen und Kinder im Boot. Noch ein paar letzte, verzweifelte Küsse, dann dauert es nicht mehr lange, und das Meer verschlingt das Schiff mit Mann und Maus.

Das 'mit Mann und Maus' ist wörtlich zu nehmen - abgesehen von der etatmäßigen alten Dame, die darauf besteht, sich nach 50 Jahren Ehe jetzt auch nicht mehr von ihrem Mann trennen zu wollen. Alsdann ertrinken zuerst die schlecht bezahlten, aber ehrenhaft pflichtbewussten Heizer und Mechaniker, dann die zurückgebliebenen Ehemänner und Offiziere, und zuletzt der Kapitän - wie es sich gehört.

Ein schöner Film. Traurig, aber schön, denn bis auf eine Ausnahme haben sich alle Männer tadellos geschlagen. Vor allem können wir stolz unseren Hauptrollenhelden-Vater sein. Ja, wir müssen ihm attestieren, dass seine Sozialisation als gelungen betrachtet werden muss. Aus dem Jungen, der er einmal war, ist ein guter Vater geworden. Leider ist er jetzt tot.

Wer jetzt schmunzelt, hat gerade erfahren, wie tief im Herzen der Wunsch nach dieser Art heldenhaften Väterlichkeit schlummert. Nun soll natürlich nicht jeder Mann gleich sein Leben hergeben; schließlich wird sein Beitrag als Familienernährer noch gebraucht. Klar ist aber, dass die Mutter beim Kind zu bleiben hat, nicht der Vater. Der muss sozusagen erst einmal wieder "Land gewinnen", um Kind (und Frau) wiedersehen zu können.

Ich kenne einige wenige Fälle, in denen sich Eltern getrennt haben und das kleine Kind beim Vater und nicht bei der Mutter geblieben ist. Die Mutter hat zum Mann gesagt: Nimm du mal das Kind. Du kannst das besser als ich. Ich nehme das Kleine natürlich regelmäßig zu mir und zahle auch Unterhalt, aber ansonsten...

Vielleicht denken Sie jetzt empört: Was ist das bloß für eine Mutter!? Wie kann eine Frau nur ihr Kind zurücklassen? Nun, da es den Vätern nicht annähernd so übel genommen wird, wenn sie die gemeinsame Wohnung verlassen, regelmäßig die Kinder zu sich nehmen und ansonsten Unterhalt zahlen, kann es so etwas furchtbar Böses eigentlich nicht sein. Gleichwohl ist es Frauen kulturell nicht erlaubt. Sich dagegen zu stellen, erfordert ein enormes Stehvermögen.

Auf der anderen Seite die Väter: Unverändert gehört es zu den zentralen Erziehungsbotschaften an Jungen, dass sie später einmal in der Lage sein sollen, eine Familie allein zu ernähren, zumindest vorübergehend. Darauf müssen sich auch heute noch Frau und Kinder verlassen können. Dass reine "Hausmänner" dagegen meist auch in den Augen vieler Frauen keine allzu hohen Männlichkeitswerte erzielen, ist nur ein Beispiel dafür, dass auch Männern der Rollentausch nicht so ohne weiteres gestattet ist.

Wenn Frauen im Trennungsfall die Kinder "behalten" und die Männer die Familie verlassen, aber weiterhin finanziell versorgen, ist dies nur zum Teil ihre freie Entscheidung. Vielmehr gehorchen sie den strengen Regeln unserer Sozialkultur. Natürlich gilt Erziehung trotz allen gesellschaftlichen Wandels nach wie vor weitgehend als Frauensache, während der Mann sich in erster Linie im Arbeitsleben zu bewähren hat. Diese Polarität fußt auf einem unverändert breiten gesellschaftlichen Konsens.

Der zahlende Vater
Hält man den Kopf in den Wind der Debatte um alleinerziehende Mütter und unterhaltspflichtige Väter, bläst einem der eisige Wind des klassischen Geschlechterkampfes ins Gesicht: Auf der einen Seite die aufopferungsvollen, im Stich gelassenen und überforderten Mütter, auf der anderen Seite die unzuverlässigen und oft keinen Unterhalt zahlenden Väter. Zwischen den Fronten die armen Kinder.

Dass die Kinder im Trennungsfall meist bei der Mutter bleiben, ist ein Fakt: Die Zahlen schwanken zwischen 80 und 90 Prozent. Fakt ist ebenso, dass mit der Scheidung ein hohes Armutsrisiko verbunden ist, und zwar für alle Beteiligten. Gut die Hälfte aller Alleinerziehenden muss mit einem monatlichen Nettoeinkommen von weniger als 1300 Euro auskommen. (Statistisches Bundesamt 2006). Und auch die Väter müssen nach einer Scheidung erhebliche finanzielle Einbußen hinnehmen. Schließlich müssen sie nicht nur Unterhalt zahlen, sondern auch eine zweite Wohnung und manches andere doppelt finanzieren.

Allerdings: Weitaus die meisten Väter zahlen Unterhalt, etwa 75 Prozent. Und dieser Prozentsatz nähert sich der 100-Prozentmarke, wenn beide Eltern das Sorgerecht haben, wenn die gemeinsame Elternschaft vor der Trennung schon einige Jahre bestanden hat und die Aufgabenverteilung in der Familie nicht starr traditionell war. (Roland Proksch 2002)

Väter, die nicht zahlen, sind in den meisten Fällen arbeitslos, oder sie haben trotz Job zu wenig Geld. Mitunter stehen mit der Ex-Partnerin in einer derart konflikthaften Beziehung, dass sie nicht zahlen wollen, weil ihnen der Umgang mit den Kindern erschwert oder verwehrt wird, die Ex-Frau einen neuen Partner hat und sie nicht einfach nur "Zahlvater" sein wollen. Auch Rache dafür, von der Frau verlassen worden zu sein, spielt gelegentlich eine Rolle. Aber es ist nicht der Regelfall.

Die psychosoziale Situation alleinerziehender Frauen ist häufig von finanzieller Not, Erschöpfung und seelischer Überforderung gekennzeichnet. In den meisten Fällen müssen sie neben der täglichen Verantwortung für die Kinder noch erwerbstätig sein. Ihre Kinder sind häufiger und früher als andere auf sich allein gestellt. Die Mütter plagen oft Versagensängste, schlechtes Gewissen und Zorn. Sie sind überdurchschnittlich häufig depressiv und können ihre Kinder oft nur mit großer emotionaler Anspannung erziehen.

Kinder von Alleinerziehenden haben ein deutlich erhöhtes Risiko, an psychosomatischen Störungen und Beziehungsschwierigkeiten zu erkranken. Insbesondere wenn der Kontakt zum Vater gestört ist, besteht die Gefahr, dass die Kinder depressiv erkranken oder unter starken Ängsten leiden. Unter Scheidungskindern finden sich überdurchschnittlich häufig aggressiv-impulsnah sich verhaltende Jungen. (Matthias Franz 2002)

Da an so viel Unglück jemand Schuld sein muss, geht es bei dem mit der Scheidung verbundenen Geschlechterkampf fast ausschließlich um Schuldzuweisungen. Doch was hier als erbitterter Kampf zwischen Mann und Frau daherkommt, ist eigentlich ein Problem der geschlechtsspezifischen Positionen, die im Scheidungsfall eingenommen werden: Wer beim Kind bleibt, kann nur eingeschränkt arbeiten und ist auf Transferleistungen des Ex-Partners angewiesen. Wer vollzeit-erwerbstätig ist, kann nach einer Trennung nur unter sehr erschwerten Bedingungen mit dem Kind zusammen leben, muss aber die Kernfamilie weitgehend weiterfinanzieren, zu der er einst gehört hat, nun aber - wenn überhaupt - nur noch als Gast Zutritt hat.

Bei einer Scheidung gibt es, war keine Gewalt im Spiel, erst einmal nur Verlierer. Getrennt lebende Väter sind mitnichten Gewinner. Dass sie oft große Schwierigkeiten haben, ihrem Wunsch nach Vatersein und dem Verlangen ihrer Kinder nach Väterlichkeit nachzukommen, ist meist keine Frage eines schlechten Charakters, sondern eine ihrer geschlechtsspezifischen Position nach der Trennung.

Es ist wichtig, in dieser oft sehr emotional geführten Debatte anzuerkennen, dass es nicht nur alleinerziehende Mütter schwer haben, finanziell über die Runden zu kommen und ihren Erziehungsaufgaben gerecht zu werden, sondern auch die getrennt lebenden Väter. Vor allem hat jeder Einzelfall unvoreingenommenes Augenmerk verdient. Oft werden für die Probleme der Mütter und Kinder am Ende allein die Väter verantwortlich gemacht: Weil sie sich nicht nur der Erziehungsverantwortung, sondern insbesondere ihrer angestammten Funktion als Familienernährer entzögen und dadurch Frau und Kinder in krankmachende Armut und Überforderung stießen. Natürlich gibt es das, gewiss auch zu oft. Aber es ist nicht der Regelfall.

Es gilt anzukennen, dass es für Väter ungeheuer schwierig ist, das innere Band zu ihrem Kind unter Bedingungen aufrecht zu erhalten, die weder kind- noch vatergerecht sind. Auch eine Frau hätte größte Schwierigkeiten, wenn ihr Kind beim Vater wohnte und nur jedes zweite Wochenende und einen Nachmittag in der Woche zu ihr käme. Dass solche mit Wünschen und Sehnsüchten überfrachteten Begegnungen oft ein einziger Krampf sind, weiß jedes Kind.

Auch gilt es zu verstehen, dass die Bedingungslosigkeit der Liebe zwischen Kindern und Eltern nach einer Trennung mit einem Mal an schlechte Bedingungen geknüpft ist: Wie kann Liebe fließen, wie kann der Mann Erziehungsverantwortung tragen, wie kann das notwendige Urvertrauen entstehen bzw. fortbestehen, wenn Vater und Kind nicht (mehr) zusammen leben? Es ist vielleicht möglich, aber ungeheuer schwierig.

Der berühmt-berüchtigte "Zahlvater" ist keineswegs bloß eine hohle Machoformel. Man muss sehen, dass der Umstand, die eigene Familie aus der Ferne finanzieren zu müssen, für viele Männer das größte anzunehmende Debakel ihrer Familienträume darstellt. Gemäß ihrer auch von der Ex-Partnerin einst akzeptierten Rolle waren sie bislang der so genannte Familienernährer und wurden dafür von der Frau auch liebend anerkannt. Nun müssen sie diese Leistung weiterhin erbringen, werden aber nicht mehr von der Mutter ihrer Kinder geliebt. Weder dafür, noch aus einem anderen Grund. Auch das ist seelisch schwer zu verkraften. (vgl. Gerhard Amendt 2004)

Frauen erginge es in der Situation ihrer Ex-Männer nicht besser. Zwar kommt es vergleichsweise selten vor, dass Frauen unterhaltspflichtig sind, doch ist es eine Tatsache, dass auch "Mütter ihre Unterhaltspflichten oft nicht erfüllen" - wie es in dem 2002 vorlegten Abschlussbericht der Begleitforschung zur letzten Kindschaftsreform heißt. (Roland Proksch 2002)

Schuld und Verantwortung
Empathie, also die Fähigkeit, die eigene Position gedanklich und emotional verlassen zu können, um sich in jemanden anderen einzufühlen oder seine Perspektive einzunehmen, dieses Einfühlungsvermögen lernen Kinder vor allem in einer funktionierenden "Mutter-Vater-Kind"-Triade. Eine weitere wichtige Voraussetzung für Mitgefühl und Mitleid ist die Erfahrung, dass erfahrenes Leid von Anderen nicht geleugnet wird. Empathie, Mitgefühl und Mitleid sind jedoch meist die Ersten, die im Trennungsfall auf der Strecke bleiben.

Schuld daran ist der starke Wunsch vieler sich trennender Eltern, am Scheitern der Familie möglichst wenig Schuld zu tragen. Dieser Selbstbetrug gelingt am leichtesten, wenn der oder die Andere als Mutter oder Vater scheitert. Ist sie oder er unzulänglich, unzuverlässig, unfähig und unfair, beschwichtigt dies die eigenen Schuldgefühle. Denn eines ist im Grunde allen (unbewusst) klar: Wenn Eltern sich trennen oder nicht zusammen leben, laden sie in den Augen der Kinder immer Schuld auf sich. Aus der Sicht der Kinder ist die Beziehung zu den Eltern unkündbar. Deshalb können sie auch nicht verstehen, wieso die Eltern sich nicht (mehr) lieben. Bis zum Schulalter sagt Kindern das Wort Scheidung praktisch nichts. Sie verstehen nicht, wie ein Erwachsenenleben funktioniert, dass man im Laufe eines Lebens mit Menschen zusammenkommt und sich wieder trennt. Sie sehen es, müssen es hinnehmen, aber sie verstehen es nicht.

Vätern ihr Scheitern vorzuwerfen, entspringt auch dem Versuch so mancher Mutter, ihre eigene Schuld am Untergang bzw. am Nichtzustandekommen der Familienidylle zu verringern. Den Vater vom Erziehungsprozess auszuschließen, kann ebenfalls die Illusion nähren, weniger schuld zu sein. Mitunter können Kinder dann gar nicht anders, als das schlechte Urteil der Mutter über den Vater zu übernehmen, und ziehen sich vom ihm zurück. Wollen Kinder (in ihrer seelischen Zerrissenheit) ihn dann nicht mehr sehen, ist die Mutter sozusagen von aller Schuld befreit: Der kümmert sich nicht, der kann nichts, der tut den Kindern nicht gut...

Oft sind es auch die Väter, die vor der Herausforderung, unter schlechten Bedingungen ein guter Vater zu sein, kapitulieren und den Kontakt zum Kind abbrechen. Aus der Sicht des Kindes laden sie damit eine große, kaum wieder gutzumachende Schuld auf sich. Zu sagen: Die Frau hat mich nicht Vater sein lassen, soll dann seine Schuld verringern.

Eltern bleiben
Kinder haben gute Chancen, die Trennung bzw. das Nichtzusammensein ihrer Eltern gut zu verkraften, wenn beide Eltern

  • in der Lage sind, die eigenen und die zugefügten Kränkungen und Verletzungen aufzuarbeiten, die mit der Trennung verbunden sind,
  • wenn sie vor den Kindern die liebenswerten Anteile des Ex-Partners bzw. der Expartnerin gelten lassen können, die einmal Grund für die Liebesbeziehung gewesen sind,
  • wenn sie vor sich, voreinander und vor den Kindern zu ihrer "Schuld" stehen können, die Einheit der Familie aufgelöst zu haben,
  • wenn es möglich ist, den Kindern die anstehende Trennung gemeinsam mitzuteilen,
  • wenn der getrennt lebende Elternteil von den Kindern weder idealisiert noch verteufelt werden muss
  • und einen unbestrittenen Platz im Herzen der Kinder haben darf, auch wenn er oder sie in den Augen des oder der Anderen noch so ungeschickt oder unzureichend agiert. (vgl. Elisabeth Wöran 2006)

Was bedeutet das für alleinerziehende Mütter? Das, was der Vater den Kindern geben kann, ist nicht ersetzbar, sondern im besten Fall kompensierbar. Es geht auch ohne Vater. Aber dann tragen die Kinder an dem Mangel. Die einen mehr, die anderen weniger – je nachdem, welche sonstigen Beziehungserfahrungen sie machen dürfen.

Das Wichtigste, das eine alleinerziehende Mutter im Hinblick auf den möglichen Vatermangel ihres Kindes tun kann, ist, genug für sich als Frau zu tun. Dem Kind tut es gut, wenn die Mutter zufrieden mit sich, der Welt und ihrem Liebes- und Beziehungsleben ist. Allen tut gut, wenn sie den Vater ihres Kindes noch ein bisschen leiden kann, wenn sie das Kind wissen lässt, dass es für sie einst genügend Gründe gegeben hat, ihn zu begehren und zu schätzen. Wie wohltuend, wenn sie zeigen kann, dass sie immer noch eine Frau ist, die Männer begehrt und schätzt. Dem Kind aus Selbstgerechtigkeit oder Hilflosigkeit den Vater vorzuenthalten oder den Umgang zu erschweren, ist ein schlimmer Fehler. Die Mutter hilft dem Kind, wenn sie ihm Zugang auch zu anderen Männern ermöglicht, zum Onkel des Kindes, zu seinem Großvater, zu ihren Freunden. Sie muss und soll nicht im Büßerinnengewand gehen, aber es ist wichtig, dass sie zu ihrer Verantwortung am Zustand der Familie steht. Schuld auf sich zu laden ist schwer zu ertragen. Schuldabwehr macht jedoch alles schlimmer. Was die Mutter entlastet, ist dagegen ein gutes Verhältnis des Kindes zu seinem Vater.

Für die Väter gilt das Gleiche. Nicht nur zur Versorgungs- und Erziehungsverantwortung stehen, sondern auch den eigenen Anteil am Scheitern der Familie aufarbeiten. Nicht die Schuld bei der Frau suchen. Oft dauert dieser Prozess Jahre, eine Zeit, in der die Trauer über die erlittenen Verluste ihren Platz braucht. Die Mutter schlecht zu machen, geht immer auf Kosten des Kindes. Ihr und dem Kind den Unterhalt zu entziehen, obwohl das Geld dafür reichen würde, mag in Einzelfällen emotional nachvollziehbar sein. Aus der Sicht des Kindes ist es der väterliche Offenbarungseid.

Das Wichtigste, das ein getrennt lebender Vater tun kann ist, gut für sich zu sorgen. Das heißt zum Beispiel, sich Netzwerke im Freundes- und Bekanntenkreis aufzubauen. Außerdem sollte er sich wirklich und wahrhaftig seiner tiefen Bedeutung für das Seelenheil des Kindes bewusst werden – und sich fragen: Was bedeutet dieses Kind mir?

*

Ich würde meine Kinder nicht einfach bei meiner Frau lassen. Ich bin ihr Vater geworden, weil ich mit ihnen zusammen leben will. Meine Frau sagt natürlich dasselbe. Was also tun im Fall der Fälle? Wie sollte das gehen, wir uns trennten, beide aber weiterhin mit den Kindern zusammen lebten? Ich hoffe, es kommt nie so weit. Aber es wäre sicher spannend zu sehen, wie wir dieses Paradoxon auflösten.

Ich wäre nicht mehr der Vater, der ich war, sollte meine Frau die Kinder "behalten" und ich Vollzeit arbeiten. Da ich ebenso viel Zeit wie meine Ex-Frau brauchte, mich um die Kinder zu kümmern, fiele dieses Modell also flach. Sie und ich, wir werkelten sicher an verschiedenen Enden unserer zerbrochenen Familie, aber wir hätten das selbe Rätsel zu lösen.


Literatur
Gerhard Amendt: Väterlichkeit, Scheidung und Geschlechterkampf. Aus Politik und Zeitgeschichte. B 19/2004

Matthias Franz: Wenn der Vater fehlt. In: Frühe Kindheit. 3/2002

Bruno Hildenbrand: Kein Kontakt zum anderen Elternteil - Konsequenzen für die Kinder. www.familienhandbuch.de, 2004

Remo H. Largo u.a.: "Können Scheidungskinder glücklich werden?" Interview in: Geo Wissen 9/2004

Roland Proksch: Begleitforschung zur Umsetzung der Kindschaftsreform von 1998. Schlussbericht. Bonn 2002

Rainer Neutzling: Gewalt macht die Seele krank. Wie Kinder als Zeugen, Opfer und Täter Gewalt erleben. Tiefeninterviews mit gewalttätigen Jugendlichen. Hannover 2005

Dieter Schnack: "Sagen Sie mal, was ist denn jetzt eigentlich männlich?" In: Dieter Schnack/ Rainer Neutzling: "´Der Alte kann mich mal gern haben!´ Über männliche Sehnsüchte, Gewalt und Liebe". Reinbek 1997.

Statistisches Bundesamt: Leben in Deutschland. Mikrozensus 2005. Wiesbaden 2006

Statistisches Bundesamt: Lebendgeborene 2007 nach dem Einzelaltersjahr der Eltern. Wiesbaden 2008

Elisabeth Wöran: Der Umgang mit dem anderen Elternteil. www.familienhandbuch.de, 2006


Auszug aus dem überarbeiteten Vortrag von Rainer Neutzling - gehalten im November 2007 im Augustanaforum in Augsburg.

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